Eine Kollektivunterkunft ist kein geeigneter Ort für Kinder, um aufzuwachsen. Dennoch ist dies für viele geflüchtete Kinder in der Schweiz Realität. Wie lassen sich solche Unterkünfte kindergerechter gestalten? Dieser Frage gingen wir an unserer Fachveranstaltung im Volkshaus Zürich mit rund 90 Fachpersonen aus Forschung, Architektur, Behörden und Praxis nach.

Fachveranstaltung

Wieso ein paar Spielsachen einen Raum nicht automatisch kinderfreundlich machen

Eine Kollektivunterkunft ist kein geeigneter Ort für Kinder, um aufzuwachsen. Dennoch ist das Leben in einem Provisorium für viele geflüchtete Kinder in der Schweiz Realität. Wie lassen sich solche Unterkünfte kindergerechter gestalten? Dieser Frage gingen wir an unserer Fachveranstaltung im Volkshaus Zürich gemeinsam mit rund 90 Fachpersonen aus Forschung, Architektur, Behörden und Praxis nach.

Wenn das Provisorium zum Zuhause wird

Geflüchtete Kinder und ihre Familien leben in der Schweiz oft über Monate oder sogar Jahre in Kollektivunterkünften. Diese befinden sich teilweise an abgelegenen Orten. Die Menschen leben auf engem Raum und haben wenig Privatsphäre. Kindern fehlen häufig geeignete Orte zum Spielen, für die Hausaufgaben oder um zur Ruhe zu kommen.

In den vergangenen Jahren wurden rund 40 Prozent der Asylgesuche in der Schweiz von Minderjährigen gestellt. Obwohl Kinder damit einen grossen Teil der Menschen in den Unterkünften ausmachen, wird ihren Bedürfnissen kaum Rechnung getragen.

Kinder nicht nur mitdenken, sondern einbeziehen

«Für Kinder ist eine solche Unterkunft nicht einfach ein vorübergehendes Provisorium. Sie ist der Ort, an dem sie aufwachsen», sagte Milena Gehrig, unsere Leiterin Projekte Asyl und Migration. Wie Kinder ihre Wohnsituation erleben, wirkt sich unter anderem auf ihre Gesundheit, ihre Bildung und ihre sozialen Beziehungen aus.

Deshalb ist es wichtig, Kinder nicht nur mitzudenken, sondern sie aktiv einzubeziehen. Wer wissen möchte, was sie in einer Unterkunft brauchen, muss ihnen zuhören: Wo fühlen sie sich sicher? Wo können sie ihre Hausaufgaben machen? Weshalb können sie nachts nicht schlafen?

In unserer Projektarbeit setzen wir genau hier an: Gemeinsam mit Kindern begehen wir die Innen- und Aussenräume der Unterkünfte. So erfahren wir, wo sie sich wohlfühlen, was ihnen Schwierigkeiten bereitet und welche Veränderungen ihren Alltag verbessern könnten.

Für Kinder ist das Provisorium der Ort, an dem sie aufwachsen.

Milena Gehrig Leiterin Projekte Asyl und Migration bei Save the Children Schweiz

Kinder zeigen die Unterkunft aus ihren Augen

Mehr als ein Spielzimmer

Kinder brauchen Raum zum Spielen. Doch ein Spielzimmer, eine Rutschbahn oder einige Spielsachen reichen nicht aus, damit Kinder ins Spiel finden. Dafür braucht es ebenso Sicherheit, verlässliche Strukturen, regelmässig zugängliche Angebote und geschultes Personal.

Sind diese Voraussetzungen gegeben, können Kinder auch Gänge, Stufen oder Aussenbereiche zu Spielräumen machen. Ihre Vorstellung davon, wo und wie gespielt werden kann, ist oft kreativer als diejenige von Erwachsenen. Architektin Charlotte Schaeben zeigte auf, dass Kinder sich Räume auf ihre eigene Weise aneignen und diese mitgestalten. Kinderfreundlichkeit darf deshalb nicht an der Tür eines Spielzimmers enden, sondern muss in der gesamten Unterkunft mitgedacht werden.

Dass viele der aktuellen Herausforderungen bereits in den 1980er-Jahren bestanden, zeigte Kindheitsforscherin Prof. Dr. Clara Bombach anhand der Geschichte einer Kollektivunterkunft in Luzern. Schon damals fehlte es Kindern an geeigneten Räumen. Zudem wurden sie häufig nicht als eigenständige Personen wahrgenommen, sondern als Gruppe, als Störfaktor oder als Anhängsel ihrer Eltern. Obwohl seither Fortschritte erzielt wurden, bestehen einige dieser strukturellen Herausforderungen bis heute fort.

 

 

Kinder prägen das Asylsystem seit Jahrzehnten. Die Unterbringung wird jedoch selten von ihren Bedürfnissen her gedacht.

Prof. Dr. Clara Bombach Dozentin Berner Fachhochschule, Forschungsmitarbeiterin Universität Luzern

Nicht für Geflüchtete, sondern für Menschen bauen

«Nicht für Geflüchtete, sondern für Menschen bauen»: Diesen Grundsatz verfolgen Pascal Angehrn und Martin Bölsterli vom Verein HUMA. Sie haben Planungshinweise für nachhaltiges Wohnen im Asylbereich entwickelt, die sich insbesondere an Gemeinden richten.

Die Planungshinweise zeigen aus architektonischer, gesellschaftlicher und finanzieller Sicht, wie gute Wohnbedingungen und gesellschaftliche Teilhabe gefördert werden können. Räume sollen wohnlich und anpassbar sein und gemeinsam mit den Menschen gestaltet werden, die sie nutzen.


Standards in der Praxis umsetzen

Im aktuellen Betriebs- und Betreuungskonzept für Bundesasylzentren, kurz BEKO, ist der Betreuung von Kindern erstmals ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin wurden auch Empfehlungen von Save the Children Schweiz aufgenommen.

Olivia Gmür vom Staatssekretariat für Migration stellte das Konzept vor und zeigte zugleich auf, dass sich die Standards in der Praxis nicht überall gleich umsetzen lassen – beispielsweise aufgrund begrenzter räumlicher oder personeller Ressourcen.

«Mein persönliches Highlight in den BAZ sind der kinderfreundliche Raum und die Schulzimmer – sie zeigen, wie viel mit einer guten Gestaltung und engagierten Mitarbeitenden möglich ist.» Olivia Gmür, Fachreferentin beim Staatssekretariat für Migration

Icon Kinderfreundlicher-Raum-Haus

Standard 1: In jedem BAZ ist ein kinderfreundlicher Raum ausschliesslich für Kinder und deren Eltern mit kinder- und altersgerechten Möbeln, Spielsachen und Materialien eingerichtet. Der Raum muss täglich während fünf Stunden betreut werden.

Icon Spielwagen

Standard 2: Das Betreuungsteam bietet regelmässig altersgerechte Spiel- und Entwicklungsaktivitäten an (im kinderfreundlichen Raum und ausserhalb). Die Eltern werden aktiv in die Betreuungsaktivitäten miteinbezogen.

Wie konkrete Verbesserungen gelingen

Wie anspruchsvoll die Umsetzung sein kann, zeigte sich auch in der von Ladina Spiess moderierten Podiumsdiskussion. Felix Lengweiler, Abteilungsleiter Asylkoordination beim Sozialamt des Kantons Zürich, die Architektin Charlotte Schaeben vom ANA Institute sowie Nina Hössli, Direktorin Schweizer Programme bei Save the Children Schweiz, diskutierten darüber, was es braucht, damit aus Konzepten und Standards konkrete Verbesserungen für Kinder entstehen.

Aus Sicht von Save the Children Schweiz sind Kollektivunterkünfte grundsätzlich kein geeigneter Ort für Kinder, um aufzuwachsen. «Solange Familien jedoch dort leben, müssen wir gemeinsam alle vorhandenen Möglichkeiten nutzen, um ihre Situation zu verbessern», betonte Nina Hössli. Dafür braucht es eine klare Haltung der Verantwortlichen, sensibilisiertes und geschultes Personal sowie verbindliche Strukturen und Prozesse.

Unsere Fachveranstaltung machte deutlich: Kinderfreundliche Unterkünfte entstehen nicht durch eine einzelne bauliche Massnahme. Sie entstehen, wenn Behörden, Fachpersonen, Betreiber:innen und Architekt:innen zusammenarbeiten – und vor allem, wenn Kinder und ihre Eltern gehört und einbezogen werden.

Solange Familien in Kollektivunterkünften leben, müssen wir gemeinsam alle vorhandenen Möglichkeiten nutzen, um ihre Situation zu verbessern.

Nina Hössli Direktorin Schweizer Programme bei Save the Children Schweiz