Westafrika wird von der schlimmsten Nahrungsmittelkrise seit zehn Jahren heimgesucht: 27 Millionen Menschen leiden Hunger. Die Zahl der Hungernden könnte im Juni dieses Jahres auf 38 Millionen ansteigen – ein neuer historischer Höchststand und bereits jetzt ein Anstieg um mehr als ein Drittel im Vergleich zum letzten Jahr.

In den letzten zehn Jahren haben die Ernährungskrisen in der gesamten westafrikanischen Region, unter anderem in Burkina Faso, Niger, Tschad, Mali und Nigeria zugenommen. Zwischen 2015 und 2022 hat sich die Zahl der Menschen, die auf Nahrungsmittelsoforthilfe angewiesen sind, von 7 auf 27 Millionen fast vervierfacht.

In Westafrika sind die Lebensmittelpreise in den letzten fünf Jahren um 20-30 Prozent gestiegen. Während die Nahrungsmittelreserven in der Sahelzone schwinden, verschärft die Krise in der Ukraine die Situation auf gefährliche Weise. „Wir bewegen uns auf eine globale Ernährungskrise zu: Länder, die sonst schon mit grossen Krisen zu kämpfen haben, sind stark abhängig vom Import von Weizen. Damit trifft diese Krise vor der Türe Europas in ganz anderen Regionen einmal mehr die Ärmsten, mit katastrophalen Folgen für Millionen von Kindern.“, so Adrian Förster, CEO von Save the Children Schweiz. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen könnten die Lebensmittelpreise weltweit um weitere 20 Prozent steigen, was für die ohnehin schon benachteiligte und von Armut betroffene Bevölkerung schlicht nicht mehr tragbar wäre. Darüber hinaus wird die Krise in der Ukraine wahrscheinlich zu einem erheblichen Rückgang der Verfügbarkeit von Weizen in westafrikanischen Ländern führen, die zwischen 30 bis 50 Prozent ihres Weizens aus Russland oder der Ukraine importieren.

Eine weitere wahrscheinliche Folge der Krise in Europa ist ein starker Rückgang der internationalen Hilfe für Afrika. Viele Geber haben bereits angedeutet, dass sie ihre Mittel für Afrika möglicherweise kürzen werden und stattdessen Gelder für die Unterstützung von geflüchteten Menschen aus der Ukraine oder andere Krisen bereitstellen.

Wir bewegen uns auf eine globale Ernährungskrise zu: Länder, die sonst schon mit grossen Krisen zu kämpfen haben, sind stark abhängig vom Import von Weizen. Damit trifft diese Krise vor der Türe Europas in ganz anderen Regionen einmal mehr die Ärmsten, mit katastrophalen Folgen für Millionen von Kindern.

Adrian Förster CEO Save the Children Schweiz

Dramatische Auswirkungen auf die Zukunft der Kinder in Westafrika

Die aktuelle Situation zwingt Hunderttausende von Menschen dazu, in andere Ortschaften umzuziehen und bei Gastfamilien zu leben, die selbst schon unter schwierigen Bedingungen leben. Es gibt nicht genügend Lebensmittel, geschweige denn ausreichend nährstoffreiche Nahrung für Kinder. Wir müssen ihnen dringend helfen, denn ihre Gesundheit, ihre Zukunft und sogar ihr Leben stehen auf dem Spiel.

Philippe Adapoe Direktor von Save the Children West- und Zentralafrika

Die Unterernährung nimmt in der Sahelzone stetig zu. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden in diesem Jahr 6,3 Millionen Kinder (2021: 4,9 Mio. Kinder) im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren akut unterernährt sein – darunter mehr als 1,4 Millionen Kinder in der Phase der schweren akuten Unterernährung. „Ich hatte fast keine Milch mehr, also gab ich meinem Baby andere Nahrung. Er weigerte sich oft, sie anzunehmen und verlor an Gewicht. Ausserdem hatte er Durchfall, was seinen Zustand verschlimmerte“, sagte Safiatou, eine Mutter, die wegen der Gewalt in Burkina Faso aus ihrem Dorf fliehen musste.

Zusätzlich zu den bewaffneten Konflikten und der unsicheren Lage haben Dürreperioden und ungünstige Niederschlagsverteilung die Nahrungsmittelbestände der Bevölkerung verringert, insbesondere in der zentralen Sahelzone. „Die Regenfälle waren spärlich. Es gibt kein Futter mehr. Durch den Mangel an Weideland werden die Schafe immer dünner und das zwingt uns, sie mit Verlust zu verkaufen. Früher hatte ich zwölf Schafe, aber jetzt habe ich nur noch eines“, erklärt Ramata Sanfo, ein Hirte aus Burkina Faso. „Ich hätte gerne mein Vieh zurück, damit ich genug Geld habe und meine Kinder wieder zur Schule gehen können.“ Um diese Lücke auszugleichen, verkaufen viele Familien ihr Hab und Gut und gefährden damit ihre Produktionskapazitäten und die Zukunft ihrer Kinder. Mädchen werden als Folge zu einer frühen Heirat gezwungen, und andere Formen der geschlechtsspezifischen Gewalt[1] können zunehmen, wenn die Nahrungsmittel knapper werden.

Icon Brot

Nahrungsmittelknappheit Zwischen 2015 und 2022 hat sich die Zahl der Menschen, die auf Nahrungsmittelsoforthilfe angewiesen sind, von 7 auf 27 Millionen fast vervierfacht.

Elf internationale humanitäre Organisationen[2] appellieren an Regierungen und Geberinnen und Geber, die Misserfolge von 2021 nicht zu wiederholen. Damals wurden nur 48 Prozent des humanitären Aktionsplans in Westafrika finanziert. Sie müssen unverzüglich die Finanzierungslücke von 4 Milliarden USD im UN-Appell für Westafrika schliessen, um Leben zu retten und sicherzustellen, dass diese Mittel alters-, geschlechter- und behindertengerechte Massnahmen unterstützen. Kein Kind darf zurückgelassen werden.[3]

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[1] Weitere Informationen über die Zunahme von Zwangsverheiratungen junger Mädchen und anderen Formen von Gewalt gegen Frauen in Zeiten schwerer Ernährungskrisen finden Sie in den Berichten von Oxfam oder World Vision (Beispiel Südsudan).

[2] Die elf internationalen Organisationen, die sich an dieser Medienmitteilung beteiligen, sind Oxfam, Action Against Hunger, Save the Children, CARE International, International Rescue Committee (IRC), Norwegian Refugee Council (NRC), The Alliance for International Medical Action (ALIMA), Tearfund, World Vision (WV), Handicap International – Humanité & Inclusion und Mercy Corps.

[3] Laut der Analyse des Cadre harmonisé (CH) vom März 2022 werden sich im Juni-August 38,3 Millionen Menschen in einer Nahrungsmittel- und Ernährungskrise befinden, wenn nichts unternommen wird, verglichen mit 27,3 Millionen im gleichen Zeitraum 2021, was einem Anstieg von 40,2 % in einem Jahr entspricht. Nach Ländern aufgeschlüsselt sind die Prognosen für die am stärksten betroffenen Länder in den Phasen 3 bis 5 für Juni-August 2022 wie folgt: Nigeria (19,5 Millionen), Burkina Faso (3,5 Millionen), Niger (4,4 Millionen), Tschad (2 Millionen), Mali (1,8 Millionen).