In der Schweiz arbeiten wir mit geflüchteten Kindern in Asylzentren und unterstützen Fachpersonen aus dem Bereich mit Informationen, Schulungen und einem eigens gestalteten Fachbereich. Wie wir Kinder auch trotz Covid-19 erreichen und welche Rolle dabei eine Quarantäne-Box spielt, erzählt Nina Hössli, Leiterin Schweizer Projekte, im Interview.

Nina, Auf der Webseite von Save the Children Schweiz findet man neu den „Fachbereich Asyl und Migration“ prominent vor. Was ist das Ziel des Fachbereichs?

Nina Hössli: Unser Ziel in den Schweizer Projekten ist es, bis 2022 die Lebenssituation von geflüchteten Kindern zu verbessern. Wir setzen uns dafür ein, dass ihre Unterbringung kinderfreundlich ist, sie kindgerecht betreut, aber auch vor Gewalt geschützt sind. Dafür arbeiten wir viel mit Fachpersonen zusammen. Diese arbeiten direkt in den Asylzentren, aber auch für politische Behörden oder kantonale Stellen. Alle diese Personen sind entweder in der Verantwortung oder geben Aufträge über die Betreuung geflüchteter Kinder. Mit dem Fachbereich möchten wir diese Zielgruppe besser erreichen. Das schaffen wir, indem wir unsere Angebote und Fachinformationen für sie einfach und schnell zugänglich zur Verfügung stellen. Das können beispielsweise einfache Arbeitshilfen oder Checklisten sein, die man zur Hand nehmen und damit arbeiten kann.

Bis 2022 wollen wir die Lebenssituation von geflüchteten Kindern verbessern, dafür sorgen, dass ihre Unterbringung kinderfreundlich ist, sie aber auch vor Gewalt geschützt sind.

Nina Hössli Leiterin Schweizer Projekte

Richtet sich dieser Bereich also nur an Fachpersonen?

Jein. In erster Linie ist es richtig, dass sich die Inhalte primär an Behörden, Fachorganisationen und Mitarbeitende von Asylzentren richten. Allerdings gibt es auch Elemente, die sich direkt an geflüchtete Eltern und somit auch an Kinder und Jugendliche richten – und das in über 30 Sprachen! Diese Informationen können Zentrumsmitarbeitende so auch Familien in Asylzentren direkt zugänglich machen: einfach, online und in ihrer Muttersprache.

Arbeitet ihr für den Fachbereich auch mit anderen Hilfsorganisationen zusammen?

Da gibt es sicher ein „miteinander“, ja. Das ist in diesem Bereich auch sinnvoll. Wir möchten ja nicht nur auf unser Angebot aufmerksam machen, sondern auch auf die Arbeit von Anderen in wichtigen Bereichen wie z.B. der psychischen Gesundheit hinweisen. So haben wir beispielsweise einen Veranstaltungskalender, in dem wir auf Veranstaltungen, auch von anderen Organisationen, zum Thema Asyl und Migration aufmerksam machen. Für Fachpersonen ist das ein wichtiger Service.

Was ist bei euch gerade aktuell?

Zurzeit befinden wir uns in der Schweiz ja inmitten der zweiten Covid-19 Welle. In dieser Situation haben wir ein neues Angebot entwickelt: die sogenannte Quarantäne-Box. Leider ist es so, dass – wie überall – auch in vielen Asylzentren Familien in Quarantäne müssen. In den Zentren sind Familien dann meist nur in einem Schlafzimmer, das nicht darauf ausgerichtet ist, dass Familien mit Kindern bis zu 10 Tage da drin sind – ohne, dass sie das Zimmer verlassen dürfen. Die Idee der Quarantäne-Box ist, dass wir den Asylzentren ein Angebot an verschiedensten Spielsachen, Bastelmaterialien und Anleitungen (basierend auf unserem Lern- und Spielset aus dem Frühling) zur Verfügung stellen. So erhalten Familien mit Kindern altersgerechte Spiele und Aktivitäten-Anleitungen in die Zimmer und die Kinder haben während dieser Zeit doch eine Beschäftigung.

Die Quarantänebox für Kinder und Familien in Quarantäne.

Wird das von Seiten der Betreiberorganisationen geschätzt?

Ja, sehr. Wir hatten beispielsweise in der ersten Covid-Welle unglaublich viel Rücklauf und Interesse seitens der Betreiberorganisationen. Wir haben dort gemerkt, dass die Belastung für Mitarbeitende, aber auch Familien und Kinder in den Zentren enorm war. Zudem gab es sehr wenig Ressourcen, um Kinder und Familien in dieser Phase zu betreuen. Mit der Schliessung von Schulen hatten Kinder keinerlei Strukturen oder Förderungsaktivitäten, auch innerhalb der Zentren. Wir haben damals in rund 19 Kantone schweizweit sieben verschiedene Auflagen von Lern- und Spielsets verschickt. Und auch jetzt, mit der Quarantäne-Box haben wir in den ersten Tagen schon rund 30 Asylzentren, die bestellt haben.

19 Kantone

nutzten unsere Lern- und Spielsets während des Lockdowns im Frühling und verschafften Kindern so Entspannung und Abwechslung.

Und Kinder, die nicht in Quarantäne sind, haben kein Recht auf die Quarantäne-Box?

Doch, sicher. Zuerst hoffen wir natürlich, dass möglichst wenig Familien in Quarantäne sind. Und wenn Zentren Spielsachen und Bastelmaterial übrighaben, ist es selbstverständlich auch völlig in unserem Sinn, wenn auch nicht betroffene Kinder Zugang dazu haben. Auch ohne Covid-19 gibt es in den Zentren kein Überangebot an Betreuungszeit und -ressourcen. Unsere Lern- und Spielsets vom Frühling werden immer noch gebraucht – auch weil wenig Ressourcen vorhanden sind und die Sets sehr gut durchzuführende Aktivitäten haben. Diese sind übrigens auch gratis und für alle zugänglich abgelegt.

Wie sehr hat Covid eure Arbeit beeinträchtig?

Im Moment ist das je nach Situation und Ort sehr unterschiedlich. Im Frühling verloren wir den Zugang zu Zentren fast vollständig und konnten unsere Coachings und Schulungen nicht mehr durchführen. Als die Zentren dann wieder öffneten, konnten wir unsere Schulungen und Coachings für Mitarbeitende weiterführen. In gewissen Zentren können wir aktuell unser normales Angebot machen, in anderen können wir allerdings nur noch Covid-19 Interventionen wie die Quarantäne-Box anbieten. Für uns ist es wichtig, dass auch unter solchen Umständen Kinder eine Ablenkung haben, einfach „Kind sein dürfen“ und unterstützt werden.