100 Jahre – 10 Konflikte – 10 bewegende Geschichten und 1 Baby

Das ist das Fotoprojekt "Ich lebe", das auf beeindruckende Art und Weise zeigt, wie Kinder Kriege überstehen. Um dies zu erfahren, suchten wir 10 Menschen – und ein Baby – die von ihren Erfahrungen in den Kriegen der letzten 100 Jahren berichten: vom Ersten Weltkrieg in Deutschland bis zum aktuellen Rohingya-Exodus in Bangladesch.

Ich Lebe – das ist der schlichte und zugleich so vielsagende Titel unseres Fotoprojekts (und des daraus entstandenes Buches). Ich lebe – diese zwei Wörter klingen für uns so selbstverständlich. Doch in vielen Ländern sieht die Realität ganz anders aus. Dort leiden Kinder als wehrloseste Opfer der Zivilbevölkerung besonders unter den Folgen grausamer bewaffneter Konflikte. Es sind Kinder, die mit Gewalt und Zerstörung konfrontiert sind. Kinder die deshalb Hunger leiden. Kinder, die Ruinen oder Zelte ihr Zuhause nennen. Die Keine Bildung erfahren, da auch Schulen immer wieder bombardiert oder vorsorglich geschlossen werden – weil der Weg dorthin lebensgefährlich ist.

Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder!

Eglantyne Jebb Gründerin Save the Children
426 Millionen

Kinder leben aktuell weltweit in einem Krieg oder in Krisen- und Konfliktgebieten

Auch heute gefährden bewaffnete Konflikte und Gewalt an Kindern das, worauf jedes einzelne Kind ein Recht hat: eine unbeschwerte Kindheit. Jedes Kind sollte die Möglichkeit haben, seine Träume zu verwirklichen und seine Talente in einer friedlichen Welt zu entfalten. Aktuell leben 426 Millionen Kinder weltweit in einem Krieg oder in Krisen- und Konfliktregionen. Für uns sind das genau 426 Millionen zu viel.

"Ich Lebe" Fotoprojekt

Als Kinderrechtsorganisation bestehen wir seit über 100 Jahren darauf, dass Kinder überall auf der Welt ein Recht auf Zukunft haben. So wie die 11 Menschen, wie wir in diesem Projekt vorstellen. Ihnen konnte Save the Children an einem kritischen Punkt in ihrem Leben existenzielle Hilfe leisten. Für sie heisst Ich lebe ganz konkret: Ich habe einen Krieg, eine humanitäre Katastrophe überlebt. Weil mir geholfen wurde.

Wir freuen uns, wenn Sie sich einlassen auf einige erstaunliche Biografien dieser Überlebenden aus Afrika und Europa, aus dem Mittleren Osten, Lateinamerika und Asien. 11 Menschen, die sich uns geöffnet haben oder uns – und damit Ihnen – Ihre Geschichten erzählen. Es sind Geschichten von oftmals traumatischen Erlebnissen – und von bewegenden Neuanfängen. Erfahren Sie hier Mehr.

Für diese Menschen heisst "Ich lebe": Ich habe einen Krieg überlebt. Weil mir geholfen wurde.

Amal (11 Jahre)
Überlebende des Syrien Krieges

"Was machst du gern?"
"Ich male gern."
"Was malst du?"
"Haus, Garten, Tiere. Zum Beispiel einen Vogel und eine Kuh."
"Warum den Vogel?"
"Weil er fliegen kann."

Viel mehr sagt Amal nicht. Das 11-jährige Mädchen floh mit ihrer Familie aus der belagerten syrischen Stadt Homs ins Nachbarland Libanon. Seitdem hat sie sich vor der Welt zurückgezogen. Sie schweigt meistens und weint viel. Sie vermisst ihre Grossmutter, die in Syrien zurückblieb. Ihre Eltern wissen nicht, wie sie ihre Tochter trösten können. Amal ist 11 Jahre alt. Aus der zerstörten syrischen Stadt Homs floh sie als Siebenjährige mit ihrer Familie in den Libanon. Heute lebt sie in einer informellen Siedlung in der Bekaa-Ebene. Ihr Vater, Gibran, arbeitet als Lehrer in einer Vorschule von Save the Children, um seiner Tochter und ihren acht Geschwistern das Überleben zu sichern.

Krieg ist mehr als eine militärische Operation. Dieser Krieg ist ein Krieg gegen die Kinder.

Amals Vater

Amals Vater ist beliebt, ein gefragter Schlichter in Streitfällen. Seine ausgleichende Art Probleme zu lösen hat ihm den Spitznamen „Man of the Camp“ eingetragen. Amals Mutter, eine warmherzige Frau, bemüht sich nach Kräften, ihren neun Kindern Hoffnung und Zuversicht vorzuleben. Es schmerzt sie, das Verstummen ihrer Tochter mitzuerleben. Beide Eltern können sich nicht vorstellen, dass ihre Tochter fotografiert werden möchte. Doch in der Begegnung mit dem Fotografen Dominic Nahr verändert sich etwas in Amal. Das sonst so verschlossene Mädchen kommt plötzlich aus sich heraus. Sie stemmt die Hand leicht in die Hüfte, schaut direkt in die Kamera. So als würde sie sagen: Schaut her, hier bin ich.

Als wir Amals Geschichte erzählen wollten, sagten ihre Eltern, dass das verschlossene Mädchen wohl kaum mitmachen werde. Nicht einmal die Eltern könnten sie trösten.

Doch vor der Kamera blüht die Elfjährige plötzlich auf. Sie kommt aus sich heraus, stemmt die linke Hand ganz leicht in die Hüfte und nimmt eine bewusste Pose ein: Ja, das bin ich, seht nur her.

Amal lebt mit ihrer Familie seit ihrer Flucht aus Homs, Syrien in einem Flüchtlingslager im Libanon.

Amals Geschichte ist stellvertretend für Millionen andere Syrerinnen und Syrer. Der Krieg zwang sie, ihre Heimat zu verlassen. Dank dem Unterricht von Save the Children kann Amal wenigstens einen Teil ihrer Bildung aufholen.

Die Verwandlung von Amal vor der Kamera erstaunte selbst ihre Eltern. Anschliessend sprach sie auch noch einige Worte mit uns, zwar nicht viel, aber so viele Worte wie sonst an einem ganzen Tag, wie ihre Eltern sagten.

Erich Karl (106 Jahre) Überlebender Erster Weltkrieg

DER JAHRHUNDERTZEUGE

Erich Karl wurde 1913 kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs in Weimar in eine einfache Arbeiterfamilie geboren. Nach Kriegsende erhielt er als 6-jähriger Junge in der Schule sogenannte „Kakao-Trunks“. Finanziert wurden diese mit Spendengeldern von Save the Children aus London, ausgegeben in Weimar von den Quäkern, für Kinder aus bedürftigen Familien, um ihre durch Krieg und Hunger gezeichneten Kinderkörper wieder aufzupäppeln.

Wir sprachen zuhause sehr wenig über den Krieg. Wir wurden als politische Analphabeten erzogen. ‚Kümmert euch bloss nicht um Politik! Das bringt gar nichts‘, sagten meine Eltern. Der Krieg war ein Tabu-Thema.

Erich Karl

Erich Karl ist Zeitzeuge zweier Weltkriege, der Weimarer Republik und der DDR. Heute lebt der 106-jährige in seiner eigenen Wohnung in einer Altersresidenz in Berlin. Seine Kindheit im Krieg ist lange her, die Erinnerung daran bruchstückhaft, nur der Blechnapf für den Kakaotrunk ist ihm immer gegenwärtig. Die aktuellen Krisen sind gefühlt ganz nah. Von seinem Balkon aus kann Erich Karl auf ein Containerdorf blicken, in dem Erwachsene und Kinder aus Syrien und Afghanistan leben. Geflohen vor Bedrohung und Gewalt.

Erich Karl wurde 1913 in Weimar in ärmlichen Verhältnissen geboren: Der Vater war im Ersten Weltkrieg Soldat, später ist er Gelegenheitsarbeiter. Wie so viele in Deutschland leidet auch die Familie Karl unter der katastrophalen Ernährungslage, Folge der im Krieg verfügten Wirtschaftsblockade. Hunderttausende Kinder sind vom Hungertod bedroht. Da gründet die Engländerin Eglantyne Jebb Save the Children und hilft Kindern in Deutschland. Von dieser Hilfe hat auch der kleine Erich profitiert.

Heute lebt er in seiner eigenen Wohnung in einer Altersresidenz in Berlin. Die aktuellen Krisen sind gefühlt ganz nah: von seinem Balkon aus blickt Erich Karl auf ein Conteinerdorf von geflüchteten Menschen aus Syrien und Afghanistan.

"Die Leute machten sich Sogen, es würde Unruhen geben, Gewalttaten. Ich habe dann versucht sie zu beruhigen: Lasst die doch erst einmal kommen. Lasst uns abwarten, wie es geht. Erst einmal sind es Menschen in Not.

Ich bin der Meinung, dass die Menschen in Deutschland ruhiger und zufriedener leben könnten. Könnten sie. Das ist nicht immer der Fall.

Vichuta Ly Überlebende des Pol-Pots Regime

Vichuta war erst 9 Jahre alt, als sie am 17. April 1975 gemeinsam mit ihrer Familie ihre Heimatstadt Phnom Penh verlassen musste. An diesem Tag übernimmt Pol Pot, Anführer der Roten Khmer, gewaltsam die Macht, um einen kommunistischen Arbeiter-und-Bauern-Staat einzuführen. Mindestens 1,7 Millionen Menschen fielen seiner fast vier Jahre dauernden Schreckensherrschaft zum Opfer. Sie verhungerten oder starben an Krankheiten, wurden auf sogenannten „Killing Fields“ erschossen oder zu Tode gefoltert.

Da waren Granaten, Bomben – überall wurde geschossen. Wir konnten nicht schlafen. Als ich aufwachte sah ich wie meine Schwester und meine Mutter weinen. Sie sagten, dass mein Vater weggebracht worden sei. Ich verstand nicht, was passierte.

RASTLOS

Die Rote Khmer betrachtet die bürgerlichen und gebildeten Bewohner der Stadt als „Feinde der Revolution“. Vichutas Vater, Justizminister der verjagten Regierung, verschwindet bereits zu Beginn des Regimes. Die Bevölkerung der Hauptstadt wird innerhalb weniger Tage zur Umerziehung aufs Land gezwungen. Vichutas Familie irrt über drei Jahre von Ort zu Ort, muss auf Reisfeldern arbeiten oder Dämme bauen. Vichuta wird neben der erzwungenen Feldarbeit zur Kindersoldatin ausgebildet, täglich trainiert sie mit Waffenattrappen aus Holz. Von den ursprünglich 35 Mitgliedern der Familie Ly überleben nur fünf Hunger und Zwangsarbeit. Ihnen gelingt 1979 die Flucht nach Thailand. Im Flüchtlingscamp Sa Keao lernt Vichuta Anne Watts kennen, eine Krankenschwester von Save the Children. Sie nimmt Vichuta unter ihre Fittiche. Eine lebenslange Freundschaft entsteht.

Vichuta wird zur Kindersoldatin ausgebildet – täglich trainiert sie mit Waffenattrappen aus Holz.

Im Camp in Thailand ist es die Begegnung mit dem kanadischen Botschafter, die Vichuta und ihrer Familie einen Weg aus der desolaten Lage öffnet. Ermutigt durch ihre Mutter schlüpft Vichuta durch die Absperrung und spricht den Botschafter auf Französisch an, das sie als gebildetes Mädchen beherrscht. Der Botschafter ist berührt vom Leidensweg der Familie. Wenige Wochen später verlässt die Familie im Rahmen eines Umsiedlungsprogramms der UN das Land in Richtung Kanada. Vichuta beendet dort die Schule und studiert Jura. Heute ist Vichuta Ly Menschenrechtsanwältin. 20 Jahre nach dem Verlassen ihrer Heimat kehrt sie regelmässig nach Kambodscha zurück, um Frauen und Kindern in Notsituationen zu helfen.

Vichuta Ly wächst in einer gut situierten und gebildeten Familie auf. Ihr Vater ist Jusitzminister, bis die Rothe Khmer an die Gewalt kommt und die Regierung stürzt. Die Bevölkerung der Hauptstadt muss innerhalb weniger Tage zur Umerziehung aufs Land.

Beim Völkermord in Kambodscha sterben je nach Schätzung zwischen 750.000 und mehr als 2 Millionen Kambodschaner durch Hinrichtung durch das Pol-Pot Regime in den sogenannten Killing Fields oder durch Zwangsarbeit und Hunger.

Vichuta Ly und ihrer Familie gelingt die Flucht aus einem Lager und sie können im Rahmen eines Umsiedelungsprogramms der UN nach Kanada. Dort beendet Vichuta die Schule und studiert Jura.

Heute ist Vichuta Ly Menschenrechtsanwältin. 20 Jahre nach dem Verlassen ihrer Heimat kehrt sie regelmässig nach Kambodscha zurück, um Frauen und Kindern in Notsituationen zu helfen.

"Andere sagen ich sei verrückt. Unsere ganze Familie wurde hier getötet, warum sollte ich zurückkommen? Aber ich sage, die Menschen hier sind nicht die Khmer Rouge. Sie sind genauso Opfer wie ich. Ich kann hier etwas Sinnvolles tun."

Im Flüchtlingscamp Sa Keao in Thailand lernt Vichuta Anne Watts kennen – eine Krankenschwester von Save the Children. Dort entsteht eine lebenslange Freundschaft.

Vanessa Ntakirutimana (29) Überlebende des Genozids gegen die Tutsi

Vanessa war fünf Jahre alt, als beim Völkermord gegen die Tutsis in Ruanda 1994 innerhalb von 100 Tagen rund eine Million Menschen getötet wurden. Wie Hunderttausende andere floh auch sie vor der beispiellosen Gewalteruption. Ihre Mutter band sie und zwei ihrer Geschwister an den Hemdsärmeln zusammen, damit sie einander in dem Menschenstrom nicht verlieren.

Meine Mutter rief: ‚Aufwachen! Wir müssen weg! Es ist Krieg.‘ Meine Mutter packte ein paar Sachen zusammen und wir rannten los. Ich weiss nicht mehr, wie wir uns verloren haben. Aber seither habe ich sie nicht mehr gesehen.

Mit ihren Geschwistern zieht Vanessa ohne Eltern oder Familienangehörige von Ort zu Ort. Wohin sie gehen sollen wissen sie nicht. Also laufen sie einfach weiter, gemeinsam mit Hunderttausenden von Flüchtenden. Sie haben Hunger, ab und zu gibt ihnen jemand einen Schluck Wasser in die Hand. Irgendwann kommen sie an einen Ort, an dem Save the Children tätig ist. Die Organisation sucht wie viele andere auch nach dem Völkermord Angehörige für die insgesamt wohl 300.000 umherirrenden Kinder, die von ihren Familien getrennt wurden.

Dazu hängt Save the Children Polaroid Fotos an öffentlichen Orten aus. Geschulte Teams suchen landesweit nach deren Familien. Auch Vanessa und ihre Geschwister werden fotografiert. Die Polaroids existieren heute noch. Doch was oft glückt, gelingt in Vanessas Fall nicht. Was mit ihren Eltern geschehen ist, hat Vanessa nie erfahren.

Heute lebt Vanessa mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in einem Dorf nahe der Grenze zum Kongo. Noch immer ist sie tief traumatisiert. Über die Vergangenheit spricht sie nicht gerne. Lieber schaut sie in die Zukunft.

"Meine Tochter hat einen Vater und eine Mutter. Der Vater tut was er kann, damit sie zur Schule gehen kann. Ich richte ihre Kleider her, zeige ihr meine Liebe. Ich hatte nichts davon. Ich hoffe, dass meine Kinder ein besseres Leben haben als ich."

Im Jahr 1995 liess Vanessa sich mit ihren Geschwistern von Save the Children registrieren und fotografieren. Mit Hilfe dieser Polaroid-Fotos gelang es Organisationen wie Save the Children häufig, Angehörige wiederzufinden. Im Fall von Vanessa und ihren Geschwistern gibt es bis heute keine Gewissheit, ob ihre Eltern noch leben.

Der Völkermord in Ruanda begann im April 1994 und dauerte bis Mitte Juli 1994. Er kostete zwischen 800.000 bis 1.000.000 Menschenleben. Viele Kinder verloren ihre Eltern und mussten mit Polaroid-Bildern gesucht werden.

"Ich wünschte, ich könnte meine Mutter begraben", sagt Vanessa heute.

Informationen zu den Bildern und dem Fotoprojekt

Alle Bilder sind in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Dominic Nahr im Rahmen des Fotoprojekts “Ich lebe” erschienen. Das gleichnamige Buch „Ich lebe. Wie Kinder Kriege überstehen. Ein Jahrhundertporträt“ umfasst 324 Seiten und erscheint in deutscher und englischer Sprache im Kerber Verlag. Bestellungen sind online über den Kerber-Verlag und den Buchhandel möglich. Gerne helfen wir Ihnen bei Fragen direkt weiter – kontaktieren Sie uns doch!

Mit Ihrer Unterstützung setzen wir uns weiterhin für Kinder im Krieg ein!

Helfen Sie jetzt Kindern wie Amal.