Von Gabriella Waaijman, Global Humanitarian Director, Save the Children

Der Tod von zwei unserer Kollegen bei einem Angriff des Militärs in Myanmar hat alle bei Save the Children erschüttert. Unsere Kollegen sowie mindestens 35 weitere Menschen, die bei dem Angriff getötet wurden, darunter vier Kinder, sind #NotATarget und wir können nicht zulassen, dass diese Tragödie umsonst war.

Unsere Mitarbeiter, beides junge Väter im Alter von 28 und 32 Jahren, waren am 24. Dezember auf dem Weg zurück ins Büro, nachdem sie sich um die Bedürfnisse von Kindern im Osten Myanmars gekümmert hatten, als der Angriff im Bundesstaat Kayah stattfand. Das Militär zwang Menschen aus ihren Autos, verhaftete einige, tötete zahlreiche und verbrannte ihre Leichen, darunter vier Kinder. Als der Tod unserer Mitarbeitenden offiziell bestätigt wurde, weinten wir, als hätten wir zwei Familienmitglieder verloren. Das hatten wir, denn wir sind eine Familie.

Ich arbeite seit über 20 Jahren im humanitären Sektor und habe in dieser Zeit Hunderte, wenn nicht Tausende von Kollegen aus dem Bereich der humanitären Hilfe kennen gelernt. Wir haben ein enges Band zueinander geknüpft, das sich bei der Arbeit unter extrem schwierigen Bedingungen entwickelt hat. Wir teilen die Leidenschaft, das Leben von Menschen zu verbessern, die von unvorstellbarem Leid betroffen sind. Und immer wieder erstaunt uns die Widerstandskraft der Menschen in Zeiten von Katastrophen.

Vor kurzem kehrte ich aus Afghanistan zurück, wo ich eine vertriebene Familie traf, die vorübergehend in einem ausgeräumten Getreidespeicher lebte. Es war kalt und feucht, und der Winter brach ein. Sie hatten nur sehr wenig. Ihr Sohn besuchte die von Save the Children unterstützte Gemeinschaftsschule, die sich um vertriebene Kinder kümmert. Er lernte gerade lesen, hatte aber Schwierigkeiten, weil er wegen des Nahrungsmangels an Kopfschmerzen litt. Dennoch zeigte er mir stolz seine Fähigkeiten und erzählte mir, er wolle Arzt werden, um sich um andere zu kümmern.

Es ist oft schwer zu erklären, wie Menschen unter solch schwierigen Bedingungen ihre Zuversicht auf eine bessere Zukunft beibehalten können. Wir sind privilegiert. Wir sind in einer Position, in der wir helfen können. Wir können etwas bewirken, manchmal im Kleinen und manchmal im Grossen. Leider ist unser Sektor dabei einem erhöhten Risiko ausgesetzt.

Die Aid Worker Security Database (AWSD) – eine Datenbank der Angriffe auf die weltweit schätzungsweise 570.000 Mitarbeitenden von Hilfsorganisationen – zeigt, dass die Zahl der Opfer im Jahr 2020 mit 484 so hoch war wie nie zuvor: 117 Menschen wurden getötet, 242 verletzt und 125 entführt. Seit 2013 wurden jedes Jahr mehr als 100 humanitäre Helfende getötet, und im Jahr 2020 übertraf die Kriminalität bei den Angriffen auf Helfende erstmals die konfliktbedingte Gewalt. Helfende wurden erschossen, geschlagen sowie mit Granaten, Sprengstoff und Luftangriffen konfrontiert. Dennoch sind die Gefahren, denen Mitarbeitende von Hilfsorganisationen ausgesetzt sind, nichts im Vergleich zu dem, was Zivilisten in Ländern wie Myanmar tagtäglich erleben.

Jedoch stellt sich die Frage, warum diese Zahlen immer weiter ansteigen, obwohl die Unantastbarkeit der humanitären Hilfe von allen Kulturen und Religionen anerkannt wird? Der Schutz von Hilfsorganisationen ist selbst in spezifischen Bestimmungen wie dem Genfer Abkommen, dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs sowie den Resolutionen des UN-Sicherheitsrats und den nationalen Strafgesetzen verankert.

Wenn wir eine wachsende Kultur der Straflosigkeit akzeptieren, in der Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht nur selten strafrechtlich verfolgt und geahndet werden, kommen die Täter und Täterinnen ungeschoren davon.

Gabriella Waaijman Global Humanitarian Director, Save the Children

Wenn wir eine wachsende Kultur der Straflosigkeit akzeptieren, in der Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht nur selten strafrechtlich verfolgt und geahndet werden, kommen die Täter und Täterinnen ungeschoren davon. Dies ist eine Gefahr für die Mitarbeitenden von Hilfsorganisationen, aber noch mehr für die Menschen, die von den Konflikten betroffen sind und denen die internationale Gemeinschaft gleichermassen zum Schutz verpflichtet ist.

Angesichts dieses jüngsten Angriffs auf unschuldige Zivilisten, Kinder und Mitarbeitende von Hilfsorganisationen ist es nun an der Zeit, die Kräfte zu bündeln, Stellung zu beziehen und ein Zeichen zu setzen.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sollte unverzüglich zusammenkommen und Schritte festlegen, um die Verantwortlichen in Myanmar zur Rechenschaft zu ziehen. Darüber hinaus sollten die Mitgliedsstaaten ein Waffenembargo verhängen. Der Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) muss ebenfalls zusammentreten, um einen im April vereinbarten Fünf-Punkte-Konsens in die Tat umzusetzen, der besagt, dass die Gewalt in Myanmar unverzüglich einzustellen ist und dass der ASEAN-Sonderbeauftragte bei der Vermittlung einer diplomatischen Lösung zum Einsatz kommt.

Im Interesse unserer beiden geliebten und unersetzlichen Kollegen in Myanmar – und der mehr als 1.170 Mitarbeitenden von Hilfsorganisationen, die in den letzten zehn Jahren getötet wurden, und im Interesse der Millionen von Menschen, die Schutz benötigen – müssen wir jetzt handeln. Lassen Sie uns das Jahr 2022 zu dem Jahr machen, in dem der Trend zu wachsender Gewalt und Straflosigkeit endlich umgekehrt wird.