Adina Segura ist Programmbeauftrage bei Save the Children Schweiz. Im Interview erzählt sie uns alles rund um die Flüchtlingssituation in Mexiko und die kinderfreundlichen Räume an der Grenze – inklusive Videobericht vor Ort.

Hallo Adina, erzähl uns: Was ist deine Aufgabe bei Save the Children Schweiz?

Ich bin hauptsächlich für all unsere Projekte im Raum Lateinamerika und der Karibik zuständig, habe regelmässigen Kontakt mit den Länderbüros vor Ort und besprechen vielseitige Fragen: wie läuft es vor Ort, was gibt es für Probleme und was kann verbessert werden? Also wird im ständigen Austausch mit unseren Mitarbeitenden in den Projektländern die aktuelle Situation vor Ort diskutiert. Kurz gesagt, ich begleite ein Projekt von Anfang an bis zum Ende – von der Entwicklung, Umsetzung, laufenden Optimierung bis hin zur finalen Analyse, unterstütze ich unsere Projekte.

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Die Videoreportage zum Projekt findet sich weiter unten auf der Seite

Kannst du uns die Situation in Mexiko genauer erläutern?

Seit 2009 arbeitet Save the Children Mexiko aktiv mit geflüchteten Menschen zusammen. Menschen aus ganz Lateinamerika haben oft eine sehr lange Flucht hinter sich, bis sie in Mexiko ankommen. Die Situation spitzt sich immer weiter zu, der Bedarf an kontinuierlichen Hilfsmitteln für humanitäre Hilfeleistungen oder Hungerkrisen steigt, jedoch stehen nur begrenzt Mittel zur Verfügung. Ein oft genannter Grund für die Flucht nach Mexiko ist die Ausweglosigkeit – Familien verlieren ihr Zuhause durch Naturkatastrophen, verlieren aufgrund ökonomischer Krisen ihre Lebensgrundlage oder fühlen sich ganz einfach nicht mehr sicher. Die Migrantinnen und Migranten haben das Gefühl, das alles besser wird in den USA und sehen eine Reise als einzigen Ausweg und bessere Zukunft für ihre Kinder.

An der Grenze in Mexiko können Familien auf der Flucht einen Antrag stellen, um in die USA auszuwandern. Der Prozess ist sehr langwierig und sie warten oft Jahre, bis ihr Antrag offiziell abgewickelt wird. Also müssen sie diese Zeit überbrücken und verweilen oft in sogenannten Shelters, die ihnen einen Zufluchtsort an der Grenze bieten.

Warum braucht es ein Projekt von Save the Children dort?

Wenn die geflüchteten Menschen in Mexiko ankommen haben sie in den meisten Fällen nicht mehr viel oder gar kein Geld mehr übrig. Sie müssen sich zuerst einmal einen Platz zum Schlafen und etwas zu Essen suchen. Kinder haben sehr lang keine Bildung mehr erhalten und haben somit oft Schwierigkeiten mit ihrer zukünftigen Entwicklung. Sie leiden an Traumata aus verschiedensten Gründen. Deswegen arbeiten wir an den Grenzen in Mexiko zu Guatemala und den USA in den Zentren, wo die Menschen Zuflucht finden.

Was macht Save the Children in den Shelter-Zentren konkret?

Insbesondere unterstützen wir in Shelter-Zentren Kinder, die ohne Eltern unterwegs sind. Wir betreiben kinderfreundliche Räume, damit sie einen sicheren Ort zum Spielen und Lernen haben, wo wir zusätzlich psychosoziale Unterstützung anbieten. – dabei gibt es auch Räume spezifisch nur für Mädchen und junge Frauen. Diese kinderfreundlichen Räume bieten Kindern nicht nur Schutz, sondern entlasten auch die Eltern gleichzeitig, da sie sich in Ruhe um administrative Dinge kümmern können. Zudem schulen wir das Personal vor Ort, um eine sichere und kindergerechte Betreuung zu gewährleisten.

Uns ist es wichtig, dass wir aber auch über die Grenze hinweg mit den Länderbüros zusammenarbeiten – zum Beispiel in den USA, um die Kontinuität zu sichern und auch auf der anderen Seite der Grenze.

Was brauchen Kinder am allerdringendsten, wenn sie in den Sheltern in unserem Projekt ankommen?

So viel Normalität wie möglich. Wir bieten ihnen einen sicheren Ort, damit sie erst mal ankommen können, mal wieder lachen dürfen und diese Unbeschwertheit spüren, die einem Kind eigentlich nie genommen werden darf. Denn Kinder passen sich sehr gut an – auch in schwierigen Situationen wie auf der Flucht. Aber in ihnen drin passiert sehr viel. Um das Erlebte zu verarbeiten, braucht es in einem zweiten Schritt oft auch psychologische Unterstützung.

 

Wie beeinflusst Covid-19 die Projekte an der Grenze zwischen Mexiko und den USA?

Sicherlich haben wir das Problem, dass sehr viele Leute zusammen auf engem Raum leben. Das heisst, wenn es einen positiven Corona-Fall gibt, werden die Zentren sofort geschlossen, da sonst die Gefahr besteht, dass sich rasch viele Menschen anstecken. Die nicht ausreichenden oder überlasteten Gesundheitssysteme machen die Situation nicht einfacher.

Unsere Teams haben teilweise nur sehr beschränkten Zutritt zu den Zentren. Beispielsweise können unsere kinderfreundlichen Räume während des Lockdowns nicht betrieben werden. Daher mussten wir alternative Angebote für die Kinder entwickeln. Es wurden verschiedene Videos erstellt, mit welchen Kinder auf verschiedene Art und Weisen Themen zu Covid-19 und den Kinderrechten nähergebracht wurden, Ausserdem haben wir verschiedene Sets für Zuhause zusammengestellt, damit Kinder auch Zuhause lernen können.

Wir müssen alternative Lösungen erarbeiten für die Zeit während der Corona Pandemie.

Adina Segura Programmbeauftrage bei Save the Children Schweiz

Was ist die grösste Herausforderung, die ihr mit der Pandemie in den Projekten meistern müsst?

Eine Herausforderung ist sicher das Umdenken. Denn viele Einschränkungen der Pandemie verlangen ein Umdenken. Beispielsweise war der äusserst beschränkte Zugang zu den Zentren ein schwieriger Punkt und forderte neue Herangehensweisen. Es wurde verstärkt mit Social Media Kampagnen gearbeitet und Online Programme, Online Plattformen und Podcasts wurden erstellt um weiterhin mit den Kindern in Kontakt zu bleiben und diese und ihre Familien zu begleiten in dieser schwierigen Zeit…

Aus dem Projekt: Beitrag aus der SRF Sendung Mitenand über das Projekt und die Menschen, die wir mit unserer Hilfe erreichen

Wie gehst du persönlich mit Geschichten wie in diesem Beitrag um? Was lösen solche Geschichten in dir aus?

Leider sind solche tragischen Schicksale Realität in unseren Projekten. Wir können den Betroffenen nur helfen, indem wir versuchen, die Situation insgesamt zu verbessern – denn durch meine Arbeit bei Save the Children leiste ich einen Beitrag dazu, dass es Carmen und ihrem Jungen besser geht. Diese Geschichten motivieren mich natürlich auch sehr, im Rahmen unserer Möglichkeiten die bestmögliche Unterstützung zu bieten.

Wir bei Save the Children helfen den Menschen, ihr Leben und ihre Lebenssituation zu verbessern und ermächtigen sie, langfristig selbst für Verbesserung zu sorgen. So können sie auch in Zukunft auf unvorhergesehene Situationen oder Krisen besser reagieren. Dieser Ansatz überzeugt mich.

Kinder sind unglaublich ehrlich und gleichzeitig unschuldig und erfrischend – sie lachen die ganze Zeit – wir Erwachsenen wir verlieren diese Unbeschwertheit irgendwann. Bei Save the Children helfen wir Gruppen, die sich nicht selbst verteidigen sollten – denn sie sollten einfach nur Kind sein dürfen und das Recht haben, dass es ihnen gut geht. Wir helfen den Verletzlichsten eine Stimme zu geben.

Adina Segura

Programmbeauftrage bei
Save the Children Schweiz