Sie trieben monatelang in Booten im Golf von Bengalen und mussten Hunger, Tod und Verzweiflung erleben: Rohingya-Flüchtlingskinder haben Save the Children von ihren erschütternden Erlebnissen auf See berichtet. Die Kinder und Jugendlichen waren im April gerettet worden, nachdem sie zuvor etwa zwei Monate lang ohne ausreichend Nahrung und Wasser in überfüllten Booten ausgeharrt hatten. Sie waren auf dem Weg nach Malaysia, wurden jedoch von den dortigen Behörden nicht an Land gelassen. Einige Kinder mussten mit ansehen, wie die Leichen ihrer eigenen Eltern über Bord geworfen wurden.

Eine Rohingya-Mutter mit ihrem Kleinkind im Flüchtlingslager Cox's Bazar, Bangladesch

Unter den geretteten Minderjährigen ist der 16-jährige Aziz*. Er berichtete Save the Children Anfang Mai, dass er fast zwei Monate lang auf See ausharren musste. Das Boot, mit dem er unterwegs war, wurde aufgrund der COVID-19-Beschränkungen drei Mal von Malaysia abgewiesen.

„Alle Lebensmittel an Bord waren aufgebraucht. Wir hatten tagelang nichts zu Essen. Das Boot war nicht gross genug, um viele Menschen aufzunehmen. Ich kann mich nicht erinnern, wie viele es waren, aber wir konnten uns kaum bewegen, so dicht sassen wir beieinander. Wir hatten kein Wasser zum Trinken. Einige Leute tranken Meerwasser und wurden krank. Ich sah einen Mann sterben und der Schlepper warf die Leiche ins Meer. Der Schlepper schlug uns, als wir ihn baten, umzukehren und nach Bangladesch zurückzukehren. Ich hätte nie gedacht, dass ich überleben würde."

Aziz 16 Jahre

Die achtjährige Sara* erzählte den Mitarbeitern von Save the Children, dass sie mit ihrer Mutter und ihrem 9-jährigen Bruder versuchte, mit dem Boot nach Malaysia zu gelangen. Saras Mutter starb auf dem Boot, ihre Leiche wurde vor den Augen ihrer Kinder ins Meer geworfen. Das Schiff wurde nach Bangladesch zurückgebracht, und Sara und ihr Bruder werden nun von ihren Großeltern im Lager in Cox’s Bazar betreut. Sara* erhält psychologische Unterstützung, um ihr Trauma zu bewältigen.

Der 19-jährige Abdullah* berichtete Save the Children, dass er die gefährliche Reise auf dem Seeweg unternommen habe, um Arbeit zu finden. Nach drei erfolglosen Versuchen, Malaysia zu erreichen, fuhr sein überfülltes Boot in Richtung Myanmar.

„Wir hatten keine Hoffnung mehr. Wir lechzten nach Nahrung und Wasser. Wir hatten keine Ahnung, wohin wir gehen sollten. Dann rief uns der Schlepper an und sagte, wir sollten nach Myanmar fahren. Dort wurden wir abgewiesen. Danach trieben wir weiter, ohne Nahrung und ohne einen Tropfen Trinkwasser – fast 60 Tage lang. Die Küstenwache von Bangladesch rettete uns. Aber etwa 80 bis 90 Menschen waren durch Hunger und durch das Trinken von Meerwasser gestorben.“

Seit der militärischen Gewalt gegen die Minderheit der Rohingya in Myanmar im Sommer 2017 leben hunderttausende Angehörige der Volksgruppe unter prekären Bedingungen in dem riesigen Flüchtlingslager von Cox’s Bazar in Bangladesch. Viele verlassen das Lager auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen für sich und ihre Kinder, jedoch sind sie in den Nachbarländern nicht willkommen. Jüngste Medienberichte deuten darauf hin, dass die Angst vor COVID-19 und der damit verbundenen Quarantäne die Rohingya-Flüchtlinge zur vermehrten Flucht aus den Camps drängen könnte.

Es ist verständlich, dass die Rohingya-Familien in ihrer Verzweiflung bereit sind, gefährliche Reisen zu unternehmen, selbst wenn sie dabei kriminellen Banden ausgeliefert sind. Save the Children ruft alle Staaten in der Region dazu auf, die Verantwortung sowohl für den Schutz als auch für die Versorgung der Rohingya aufzuteilen und gleichzeitig Myanmar dazu zu bringen, eine langfristige Lösung für diese Krise zu finden. Die asiatischen Länder haben sich in der Bali-Erklärung von 2016 zur Rettung von Bootsflüchtlingen und zur Zusammenarbeit bei deren Aufnahme verpflichtet. Regierungen sollten COVID-19 nicht als Entschuldigung dafür benutzen, Flüchtlingen ihre Rechte zu verweigern.

Hassan Saadi Noor Save the Children Regionaldirektor Asien

Bangladesch ist eines der wenigen Länder, das kürzlich verzweifelten Rohingya erlaubt hat, an Land zu kommen. Wir rufen alle Regierungen in der Region auf, Such- und Rettungsmissionen durchzuführen, um alle auf See gestrandeten Boote im Einklang mit dem Völkerrecht in Sicherheit zu bringen.

Alle Kinder haben das Recht auf eine Staatsbürgerschaft und Papiere, was Myanmar den Rohingya weiterhin verweigert. Wir wünschen uns eine umfassende Lösung für diese Krise. Die Verantwortlichkeiten müssen geklärt werden. Die Ursachen von Gewalt und Diskriminierung der Rohingya und anderer ethnischer Minderheiten in Myanmar müssen bei der Wurzel gepackt werden.

Vertriebene Rohingya müssen sicher, in Würde und freiwillig in ihre Städte und Dörfer zurückkehren können, die Rechte der Kinder und ihrer Familien als gleichberechtigte Bürger Myanmars müssen respektiert werden. Die Regierung Myanmars muss schnelle und konkrete Maßnahmen ergreifen, damit die Rohingya-Kinder sicher aufwachsen können.