Der erste bestätigte Coronavirus-Fall in Cox's Bazar macht deutlich, wie unsere Gesundheitssystemen in fragilen Kontexten versagen. Ein Statement von Athena Rayburn, Mitarbeiterin in der Nothilfe von Save the Children in Cox's Bazar, Bangladesch.

Überall auf der Welt steigen die Zahlen. Jeden Tag treten Tausende neuer Fälle und Todesfälle aufgrund von Coronavirus-Erkrankungen auf. In Europa, dem aktuellen Epizentrum der Pandemie, wissen die Regierungen, dass das Schlimmste noch bevorsteht, und führen immer restriktivere Massnahmen durch, um das Social Distancing und die Isolation zu erzwingen. In Cox’s Bazar haben wir dies beobachtet und uns stockt der Atem, wenn wir an den ersten bestätigten Fall von COVID-19 hier denken.

Angesichts der Berichte über den ersten bestätigten Fall in der örtlichen Gemeinde in Cox’s Bazar ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Virus die gefährdete Bevölkerung erreicht, die im grössten Flüchtlingslager der Welt unter teils prekären Bedingungen lebt. Tausende von Menschen könnten sterben.

Eine Million Rohingya-Flüchtlinge, von denen die Hälfte Kinder sind, sind seit August 2017 in den Lagern in Cox’s Bazar untergebracht, als sie damals angesichts der schrecklichen Gewalt gezwungen waren, aus ihrer Heimat zu fliehen. Seit fast drei Jahren sagen uns die Rohingya-Flüchtlinge, dass sie nach Hause gehen und ihr normales Leben wieder aufnehmen wollen. Sie wollen, dass ihre Kinder zur Schule gehen und dass die durch den Konflikt getrennten Familien wieder zusammengeführt werden. Bisher sind die internationalen Versuche, Myanmar für angebliche Verbrechen gegen die Rohingya zur Rechenschaft zu ziehen und die Bedingungen im Bundesstaat Rakhine zu verbessern, spektakulär gescheitert. Kurz gesagt, es wird Jahre dauern, bis die Rohingya Gerechtigkeit erfahren.

Während das Leben auf der ganzen Welt in dem Bemühen, das Coronavirus einzudämmen, zum Stillstand kommt, müssen wir uns vor Augen halten, dass das Leben von Rohingya-Flüchtlingen in Bangladesch seit Jahren in der Schwebe ist; es ist ihr Status quo, und es wird nicht mit der Eindämmung des Coronavirus enden.

Eine Lektion

Wenn es eine Lehre für Flüchtlinge gibt, die wir aus dieser Krise ziehen müssen, dann die, dass Flüchtlingslager und ein Leben in der Schwebe niemals als eine akzeptable langfristige Lösung angesehen werden dürfen. Wir müssen anerkennen, dass die Rohingya in Cox’s Bazar zwar mit ihrem Leben aus Myanmar entkommen sind, deshalb aber noch nicht sicher sind. Das Coronavirus ist eine Warnung an uns, dass es nicht endlos Zeit gibt, die Probleme in Myanmar zu lösen, die den Rohingya endlich die Rückkehr in ihre Heimat ermöglichen würden. Während das Volk und die Regierung von Bangladesch den Rohingya seit Jahren grosszügig weiterhin Unterschlupf gewährt, ist das Leben in den Lagern nicht sicher.

Kinder, insbesondere Mädchen, sind einem hohen Risiko von Ausbeutung, Gewalt und Menschenhandel ausgesetzt. Die Rohingya-Flüchtlinge haben keinen Zugang zu Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und ihre Familien zu unterstützen.

Wir sind jetzt Zeuge der Auswirkungen des Coronavirus in Gemeinden, die soziale Distanz wahren, sich die Hände waschen und Zugang zu einem starken Gesundheitssystem haben können, und doch hat dieses Virus sie in die Knie gezwungen. In den dicht gedrängten Lagern von Cox’s Bazar sind die Möglichkeiten von Social Distancing oder der Selbstisolierung gering, und viele Flüchtlinge leben unter beengten Bedingungen in dürftigen Unterkünften aus Bambus und Plane. Selbst einfache Hygienepraktiken wie regelmässiges Händewaschen werden zu komplizierten Leistungen der logistischen Planung, wenn der Zugang zu sauberem Wasser stark eingeschränkt ist.

Hilfe von der Regierung

Die Regierung von Bangladesch und die Hilfsorganisationen sind in Aktion getreten. Die Rohingya-Flüchtlinge sind in den Plan der Regierung zur Reaktion auf COVID-19 einbezogen, und die NGOs entwickeln neue Wege zur Verteilung von Nahrungsmitteln, die den engen Kontakt zwischen den Menschen auf ein Minimum reduzieren. Rohingya-Freiwillige mobilisieren sich in den Lagern, um Hygiene- und Präventionsbotschaften zu verbreiten, die ihre Familien und Angehörigen schützen sollen. Auch Freiwillige aus der Gastgemeinde werden geschult und unterstützen alles, von der Durchführung von Aufklärungsschulungen bis hin zur Umsetzung von Überweisungsmechanismen und medizinischer Behandlung. Die Hilfsorganisationen in Cox’s Bazar haben sich bereits wieder auf wesentliche Dienste wie Gesundheitsfürsorge und Lebensmittelverteilung beschränkt.

Dies ist ein notwendiger Schritt, um sicherzustellen, dass wir die Übertragungschancen dieser Krankheit verringern und die Auswirkungen auf die Rohingya-Gemeinschaft minimieren, aber auch diese Entscheidung wird ihren Preis haben. Erst vor zwei Monaten genehmigte die Regierung von Bangladesch die Anwendung des Lehrplans der Schulen in Myanmar in den Lagern, aber die Ausbildung der Kinder muss nun ausgesetzt werden, um das Coronavirus einzudämmen. Unsere kinderfreundlichen Räume sind geschlossen und können bei Bedarf für medizinische Zwecke umgenutzt werden. Die Kinder sind jetzt nicht nur dem Risiko von COVID-19 ausgesetzt, sondern müssen sich dieser Herausforderung stellen, ohne Zugang zu ihren regulären Unterstützungssystemen oder sicheren Räumen zum Spielen zu haben.

Das Virus befällt die am stärksten gefährdeten Gemeinschaften

Wir werden alles tun, was wir können, um mit der Regierung von Bangladesch und den Rohingya-Flüchtlingen zusammenzuarbeiten und sie vor COVID-19 zu schützen. Aber es bleibt die Tatsache, dass die Kinder der Rohingya nicht in diesen Lagern leben sollten. Sie sollten nicht mit dem zum Überleben notwendigen Minimum gegen eine globale Pandemie kämpfen müssen. Sie sollten zu Hause sein, in der Schule, spielen und lernen.

In dieser Zeit deckt das Coronavirus auf, wie unsere Systeme bei den Schwächsten versagen. Unsere globalen Mechanismen für die Rechenschaftspflicht und den Schutz der Menschenrechte haben die Rohingya bisher im Stich gelassen – es ist absolut notwendig, dass wir sie nicht noch einmal im Stich lassen.

Es handelt sich um eine globale Pandemie, und das Virus befällt jetzt die am meisten gefährdeten Gemeinschaften.  Wir müssen zusammenkommen. Nur eine globale Reaktion wird die Ausbreitung des Virus überall stoppen. Das bedeutet, dass die internationale Gemeinschaft verstärkt medizinische Unterstützung, Testkits, den Austausch von Daten und die Bereitstellung dringend benötigter Mittel zur Unterstützung der Reaktion anbieten muss. Aber das bedeutet auch noch viel mehr als das.

Wenn sich der Staub gelegt hat, wenn die Flugzeuge wieder fliegen und die Grenzen wieder geöffnet werden können wir nicht zum „business as usual“ zurückkehren. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir endlos viel Zeit haben, um diese Krise zu lösen, dass die Rohingyakinder warten können. Die Kinder müssen eine Zukunft der Hoffnung und der Chancen erhalten, wie jedes Kind sie verdient. Wir haben vielleicht nicht die Macht, uns gegen eine weitere Pandemie zu schützen. Aber wir haben die Macht, dafür zu sorgen, dass es nicht die Schwächsten sind, die am Ende den schwersten Preis zahlen müssen.